Heute: Kennt ihr Songs, die einfach nur aus Songtiteln des singenden Artists bestehen? Wir nennen sie "Meine Karriere-Songs". Außerdem: Das neue Album von Coach Party klingt auf gute Weise wie ein nicht so leckerer Kuchen. Und: Weibliche Musiker*innen schreien gerade viel. Über Female Rage in Popmusik.
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Der Meine-Karriere-Song ist ein Song, der nur aus eigenen Songs des singenden Artists besteht, beziehungsweise auf dessen Erfolg zurückblickt. SInd euch solche Lieder schon begnet? Ein*e Musiker*in singt einen Text, der fortlaufend die eigenen Hits aufzählt und erschafft damit eine Rückschau auf die eigene Karriere. Im Gegensatz zum Biographie-Song, den ich euch in Ausgabe #73 vorgestellt hab, sind es weniger Erzählungen der eigenen Lebensgeschichte. Es ist eher ein kumpelhaftes "Wisst ihr noch?", durch das erinnert werden soll, wie relevant man mal war. Mischformen können auftreten. Generell ist der Meine-Karriere-Song eher unangenehm und führt (zumindest bei mir) zum betretenen Weghören. – Melanie
Nicole – "Ich gratuliere mir" (2024) Nicole singt, was für eine Errungenschaft ihr Grand-Prix-Sieg mit "Ein bisschen Frieden" war (da hat sie ja prinzipiell recht) und was danach passiert ist. Immerhin: Geschrieben hat "Ich gratuliere mir" Heinz Rudolf Kunze für sie. Es wäre noch merkwürdiger, sich selbst so einen Song zu schreiben. Aber auch nicht viel merkwürdiger, als ihn zu singen.
Claudia Jung – "Das Lied meines Lebens" (2025) Ganz simple Aneinanderreihung von Jungs Songtiteln. "Ganz nach dem Motto: Mehr Hits passen nicht in ein Lied," sagt der BR und meint das ernst. Avril Lavigne & Simple Plan – "Young & Dumb" (2025) Hier haben wir es mit einer der erwähnten Mischformen zu tun, es werden sowohl alte Songs verwurstet, als auch der Lebenslauf beschrieben: "2002, and I'm hangin' on a tour bus/ Leaving my hometown, Napanee (Bye)/ Rockin' a necktie, black eyeliner/ White tank top and I'm chasin' my dreams" – im Video sieht man Lavigne einem jüngeren Ich gegenüberstehen, Simple Plan referenzieren in den Lyrics ihren größten Hit "I'm Just A Kid". Damals, als wir Nietenarmbänder ausm EMP bestellt haben. Das ist einfach nur Bauernfang.
Frank Schöbel – "Ich bleib der Alte" (1977) Auch hier: Ein Titelname nach dem anderen und das Beteuern, dass Frankie auf dem Boden geblieben ist. Obwohl man jetzt einwerfen könnte, dass so eine Nabelschau alles andere als bodennah wirkt. "Wie ein Stern in einer Sommernacht der Gold in deinen Augen macht / Die Sprache der Liebe ist leis / Von dir zu mir vom Nordpol zum Südpol." Faul und unnötig, Frank. Ja, dein Zenit war vorbei, aber das hätten wir uns sparen können. (Das gleichnamige Album hat trotzdem riesige Hits, in den letzten Tagen läuft "Wie Du" bei mir wieder heiß. Checkt ihr diese Melodieführung? Das ABBA-Klavier? Puh!, sag ich da.)
Kennt ihr weitere Meine-Karriere-Songs? Teilt sie unbedingt mit mir!
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Hattet ihr schon mal so einen richtigen scheiß Tag, obwohl eigentlich alles gut war? Natürlich. Das neue Album CARAMEL von Coach Party klingt für mich nach all den Phasen eines schlechten Arschtages. Man steht mit dem falschen Fuß auf und tritt direkt in eine Nacktschnecke (ja, das ist mir wirklich mal passiert), versucht sich dann kurz einzureden, dass alles nicht so schlimm ist, aber dann ist das Kaffeepulver leer und obwohl sonst Sonnenschein natürlich zauberhaft ist, fühlt er sich an einem solchen Morgen höhnisch an. Man kann sich reinsteigern in so einen Tag, man kann versuchen, ihn umzukehren: CARAMEL versucht beides und macht damit alles richtig. Auf dass es euer nächstes Frustfest begleiten möge. – Rosalie
Coach Party kommen von der Isle of Wight und klingen ehrlich gesagt auch genauso: Als wären sie schon damit groß geworden, ständig gegen den Wind zu radeln. Deichmusik. CARAMEL bringt Avril Lavigne (besonders in "Georgina") und Bikini Kill zusammen und absurderweise kommt dabei Alternative Rock mit zusätzlichen, maschinellen Beats heraus. Es gibt viele tolle Hooks, manche ähneln sich, aber alle wollen im Kopf bleiben – allen voran das mantraartige "Me, Music, Floor, Lights" in "Disco Dream". CARAMEL ist das zweite Album der Band und scheint an so vielen Stellen super genervt vom Leben, an anderen ist es fast stoisch gut drauf. Als hätten sie die Entscheidung getroffen: So, jetzt ist Schluss mit den sinkenden Mundwinkeln – aber dann brettert das Schlagzeug in die verträumten Gitarren rein und zeichnet einem eine Zornesfalte ins Gesicht. Auch in den ruhigen Momenten schlägt das Herz dieser Platte im trotzigen Aufstampf-Modus.
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PS: Das Cover ist allerdings so unfassbar unansehnlich, dass sich meine Fußnägel zusammenrollen.
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Female Rage ist ein Motiv in der Popmusik, das gerade einen neuen Aufstieg erlebt, und zwar in einer bestimmten Form: Der eines großen Schreis. Und er wird lauter. Hört ihr es auch? – Rosalie
Mit 23 erlebe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen kollektiven Schrei bei einer Demonstration. Es ist der 8. März 2019 und anstatt einer Schweigeminute findet eine globale Schreiminute statt. Für ganze sechzig Sekunden scheien wir im versammelten Pulk unsere Wut in die Welt. Damit löste sich etwas in mir. Ich erinnere mich immer noch daran. Am Anfang des Schreis lag noch ein Zaudern in den ersten Tönen, denn plötzlich aus voller Kehle loszubrüllen ist nichts Alltägliches. Doch obwohl der Atem dünner wurde, wurden die Schreie durch die Gemeinschaft immer stärker, ich bekam eine richtige Gänsehaut. Meine Ohren klingelten bei dem Lärm und ich weiß noch, wie ich dachte: "Das muss man doch wirklich überall hören!". War natürlich nicht so, aber die Vorstellung, dass eine Minute auf der ganzen Welt die weibliche Wut nicht heruntergeschluckt wird, sondern sich geballt in die Welt entlädt, hat mir das Gefühl gegeben, dass sich dadurch doch etwas unmittelbar verändert haben muss, so in der Zusammensetzung der Atmosphäre. Und zumindest für diesen Tag liefen wir alle etwas anders durch die Stadt: als würde sie uns ein wenig mehr gehören. Feministischer Kampftag ist leider nicht alle Tage (also schon irgendwie, der Kampf hört nicht auf), aber der kollektive, große Schrei, der hat sich vor allem in musikalischen FLINTA* Kreisen weiter verbreitet: Gerade erleben wir eine richtige Welle an Female Rage in der Musik. Im neuen Song von Florence + the Machine, "Everybody Screams", gibt es einen wunderbaren, langen Schrei und ich fühle ihn jedes einzelne Mal wie einen Windstoß, der meine Haare aus dem Gesicht bläst. Auch auf Konzerten, wie zum Beispiel bei Phoebe Bridgers, wird gemeinsam geschrien, um die weibliche Wut gemeinsam rauszulassen. Grund genug bietet das aktuelle politische Klima.
Doch was ist das eigentlich, weibliche Wut? Warum ist Wut überhaupt gegendert?
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Female Rage bezeichnet eine Form von Frust und Wut, die konkret von tagtäglichen patriarchalen Triggern ausgelöst wird und nicht nur als eine individuelle Reaktion, sondern als eine kollektive Emotion von FLINTA*-Personen gesehen werden kann. Es ist mehr als ein Gefühl, da es eine unmittelbare politische und kulturelle Ebene mitbringt. Dabei hat das Einstehen für die weibliche Wut selbst bereits eine feministische Dimension, da sich Weiblichkeit und Wut quasi ausschließen. Jungen Mädchen wird die Emotion oft abgesprochen oder aberzogen. Während Jungen ein gewisses Maß an Wut eingestanden und diese oft auch ernst genommen wird, gibt es für weibliche Wut herabwürdigende Wörter, die sie delegitimieren. Wütende Mädchen und Frauen nennt man zum Beispiel zickig, hypersensibel oder hysterisch. Wut herunterzuschlucken hat bei FLINTA*-Personen also eine kulturelle Tradition, weshalb es bei dem Thema Female Rage darum geht, die Emotion überhaupt erst einmal sichtbar zu machen und zu validieren. Oft wird sie als besonders explosiv dargestellt, weil sich eben viele kleine Trigger ansammeln, die ob der Stigmatisierung von weiblicher Wut nicht verarbeitet wurden, sondern sich angestaut entladen.
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Ein perfektes Beispiel für diese kleinen Trigger liefern Wet Leg in ihrem Song "Your Mom". Im Intro vom Musikvideo gibt ein Typ, den man aktuell wohl als Performative Male bezeichnen würde, einer Kassiererin einen beiläufigen, ungefragten Beautytipp und liefert damit die Vorlage für den perfekten Ausraster. Im Song ist ein wunderbarer Schrei, den Wet Leg auf ihren Konzerten mit dem Publikum teilen. 2022 auf dem Glastonbury Festival, mit dem riesigen Publikum, zelebrierten sie die weibliche Wut für 30 Sekunden. Mitski, eine echte Heldin der Songs über Female Rage, schreit sich in "Drunk Walk Home" die Stimmbänder wund, weil sie müde von der patriarchalen Welt ist. Auch bei Olivia Rodrigo wird im Publikum Frust weggeschrien, sie hat gleich einige Female Rage-Songs im Gepäck und schreit mit ihren Fans zu "All American Bitch". Zwar werden in der Anmoderation des Schreis alle mit einbezogen, nicht nur Flinta*-Personen, allerdings geht es in dem Song um die misogynen Erfahrungen eines jungen Mädchens, das einfach nicht ernst genommen wird. Live verwandelt Chappell Roan den letzten Ton ihres Rache-Songs "My Kink Is Karma" gerne in einen immer länger werdenden Schrei, der mittlerweile von vielen Fans antizipiert und zum Moment ungezügelter Female Rage wird. The Last Dinner Party haben einen essentiellen Teil ihres Images auf Female Rage aufgebaut. In zahlreichen Songs geht es um Empörung über misogyne, sexistische Kommentare und Erlebnisse. Für einen Schrei in dem Song "My Lady Of Mercy" geht Sängerin Abigail Morris regelmäßig ins Publikum und schreit mit ihnen Face to Face.
Ich erinnere mich, wie ich bei einem Konzert von Rahel besonders passioniert vor ihrem Song "Grütze - bist du gut im atmen" mit dem Publikum geschrien habe und ein Typ neben mir anerkennend die Augenbrauen hochzog. Vielleicht hat er ja wirklich erst in diesem Moment gecheckt, wie ätzend es ist, dass er nie gelernt hat zu putzen (worum es in dem Song geht).
Wie weit der Schrei nun musikalisch vorgedrungen ist, zeigt das fantastische Chorstück "Fire", das Anfang des Jahres vom Mädchenchor Hamburg in der Elbphilharmonie aufgeführt wurde und gerade in Videoform durch die verschiedenen Plattformen zieht. Das Stück der jungen kanadischen Komponistin Katerina Gimon ist aus ihrer Serie über die Elemente und bringt Female Rage somit sogar in klassische Hallen. "Fire" entstand bereits 2014 aus einer Improvisation und enthält keine Worte, sondern nur verschiedene Silben. Trotzdem ist die Message von "Fire" ziemlich klar: Wir sind sauer, wir stehen in Flammen. Man hat den Eindruck, dass jede einzelne dieser jungen Sängerinnen bei dieser Performance all ihre Frustration über Ungerechtigkeit in die Schreie legt. Interpretationen dieses Stücks findet man häufiger auf YouTube und schnell fällt auf, dass es primär von jungen Mädchenchören performt wird, obwohl auf der Website von Gimon keine Vorgaben zur Performance stehen und die Partitur für einen gemischten Chor geschrieben wurde. Find ich stark, denn gerade jungen Frauen wird gerne gesagt, dass sie noch keine Ahnung vom Leben haben – trotzdem dürfte jede einzelne Interpretin mindestens eine Handvoll Erfahrungen mit sich tragen, die sie in die Performance reinlegen kann. Ein Schwenk ins Publikum der Elbphilharmonie zeigt ein älteres Klassikpublikum. Ich vermute hier auch viele Eltern, die diese musikalische Form der Bewältigung miterleben und wahrscheinlich die legitime Wut ihrer Sprösslinge zum ersten Mal so offen erleben. Denn das hier ist kein Teenie-Tantrum, keine Phase, das ist Trauma, das durch die Hallen der dekadenten Philharmonie tobt.
Und das ist für mich besonders essenziell: Etwas, was systematisch immer wieder ins Verborgene verdrängt wird – weibliche Wut – findet hier eine kontrollierte, artistische Form. Es scheint mir nur logisch, dass diese Emotion, die eben kollektiv ist, auch in der Gemeinschaft gefühlt und verarbeitet werden sollte. In meiner Recherche habe ich mir viele Studien angeschaut, um herauszufinden: Bringt dieser kollektive Schrei etwas? Steckt hierin wirklich ein kathartischer Moment? Davon abgesehen, dass es keine Quellen gibt, die sich explizit weibliche Wut und deren Verarbeitung in Form von Schreien auf Konzerten oder in der Musik oder auf Demonstrationen anschauen, ist zum Beispiel die Schreitherapie ziemlich umstritten. Man ist sich in der Forschung nicht einig, ob kontrolliertes Schreien, wie es in dieser Form der Therapie durchgeführt wird, Wut lösen kann oder aber zu einer Erhöhung des Aggressionspotentials führt. In dieser Suche nach Belegen und den Lücken, die sich aufgetan haben, habe ich allerdings erkannt: Darum geht es hier gar nicht. Natürlich löst dieser Schrei nicht alle Probleme, aber stigmatisierter Frust wird dadurch hörbar. Er tönt plötzlich durchs Radio, weil sogar Popqueens wie Olivia Rodrigo ihn für sich entdeckt haben. Auch unter deutschen Musiker*innen hören wir dank Nina Chubas Aufgebot des Who is Who der deutschen Pop-Girls in "Rage Girl" ¹ weibliche Wut. Und nicht immer muss es mit einem Schrei passieren: Emma Rose verträumte Stimme paart sich besonders gut mit den widerlichen Aussagen von Typen, die sie in "Das Beste" vorträgt. Paula Carolina macht ihrem Frust in "Trophäe" Luft. So viele Acts teilen ihre lodernde, female Rage und der feministische Schrei tönt mittlerweile durch kleine Clubs, durch große Stadien und durch die Räume klassischer Musik. Er ist jung, er ist entschlossen, nicht mehr zu überhören und reiht sich ein in eine Welle von Female Rage, die mit Björk, PJ Harvey und Fiona Apple schon in den 90ern anrollte. Und der Ton ist ernst. Ich bekomme eine richtige Gänsehaut, meine Ohren klingeln bei dem Lärm und ich denke:
"Das muss man doch wirklich überall hören!"
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¹ Der Song zeigt allerdings auch, dass es ein schmaler Grat zwischen der Darstellung von Female Rage und patologisierter Wut (siehe Harley Quinn-Vergleich) ist, der hier leider stellenweise daneben geht.
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Das war's für dieses Mal. Rosie fragt sich, wieso es sich noch nicht eingebürgert hat, die Musik von The Last Dinner Party als 'BaRock' zu bezeichnen. Melanie fragt sich, was Stephan Remmler gerade macht. Sie würde ihm ihre Idee des Updates eines Trio-Hits überlassen: "Ich mach Labubu, was machst du?"
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Ihr habt noch nicht genug von uns? Rosie hat im aktuellen Magazin von LOW BUDGET HIGH SPIRIT eine Abhandlung über den Lebenszyklus von Shoegaze geschrieben. Die nächste Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER erscheint am 22. Oktober.
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