Heute: Ja, die Saiten auf einer Geige werden mit A geschrieben, verdammt! Außerdem: LIN und Yunus gehen auf Tour und die Tickets kosten 1€. Was für eine dumme Idee – oder? Dazu: 8 Streamingtipps für Serien und Filme mit oder über Musik. Und: Rosie liebt Rom, aber will nicht in die Nostalgiefalle tappen. Wie sie mit neuer Musik dagegen ankämpft.
An dieser Stelle begrüßen wir unseren neuen Unterstützer Clemens. Hand aufs Herz, du rettest dieses Mal die Ehre der Leser*innen.
Unterstützt auch ihr uns einmalig bei Paypal oder sichert euch Fan-Vorteile bei Steady und sorgt dafür, dass wir weitermachen können:
|
LIVE TERMIN
Langsam rücken unsere Shows näher. Habt ihr schon euer Ticket? ❤️🩵💛
ZWISCHEN ZWEI UND VIER live – die Musik-Wissens-Quatsch-Show! Wir bringen unsere Beiträge auf die Bühne: Interviews, Quiz, Gedichte, Diagramme ... Was da genau passiert:
|
Wir wollen, dass alle, die möchten, auch kommen können. Solltet ihr euch ein Ticket gerade finanziell nicht leisten können, antwortet auf diese Mail mit dem Wort KIRCHENMAUS. Dann schreiben wir euch auf die Liste. No questions asked, wir vertrauen darauf, dass niemand dieses Angebot ausnutzt.
Steady-Supporter kommen natürlich je nach Abo kostenlos oder mit Rabatt rein. Das gilt auch für alle, die bis zum Showtag ein Steady-Abo abschließen. Antwortet für euren Rabatt-Code einfach auf diese Mail.
|
Das Interview mit meinem Bruder über seinen Beruf als Geigenbaumeister in der letzten Ausgabe kam sehr gut bei euch an. Darüber haben wir uns kolossal gefreut. Für Missmut sorgte allerdings ein Fehler, der uns erst nach dem Absenden auffiel. Saiten auf einer Geige werden natürlich mit A geschrieben. Peinlich! – Melanie Saiten und Seiten
– zumindest von Weitem – lassen sich manchmal schwer unterscheiden. Ist das ein Problem in heutigen Zeiten? Na, darüber ließe sich streiten.
Die einen zum Schmettern, die andren zum Blättern Auf Korpus mit Taille, vorn und hinten: Medaille Mit A ist zum Zupfen, mit E zum Betupfen.
Und wenn ihr's immer noch verdreht lest noch mal, bis ihr es versteht dieses Gedicht.
(Beim Sprechen merkt man's eh nicht.)
|
|
Ein Konzertticket für 1€? Das klingt für uns als Gäste natürlich nice. Für Musiker*innen scheint das allerdings eine dumme Idee, denn dass das die Kosten eines Konzerts nicht deckt, können wir uns ja alle denken. LIN und Yunus aber probieren das mal aus: Drei gemeinsame Konzerte und alle Tickets kosten nur 1 €. Sie nennen das die AUSVERKAUF(T) Tour. Warum sollte man als Musiker*in so günstige Tickets anbieten? Das musste ich natürlich fragen. – Melanie
Wer ist wie auf die Idee der AUSVERKAUF(T) Tour gekommen – und warum habt ihr euch dafür entschieden, dass die Tickets nur 1 € kosten sollen? Läuft's mit der Musik zu gut bei euch, seid ihr reich?
LIN: Nein, reich sind wir nicht, dafür hätten wir uns für andere Jobs entscheiden müssen. Als wir das erste Mal zusammengearbeitet haben – für unseren gemeinsamen Song "Weniger am Meer" –, haben wir schnell gemerkt, dass da ein Zauber zwischen uns ist. Haha, kleiner Scherz, also die Chemie hat einfach gestimmt, wir hatten viel Spaß und haben gemerkt, dass wir beide gerne Leute entertainen. Und dann dachten wir, das könnte man ja auch gemeinsam auf die Bühne bringen. Diese sehr unkonkrete Idee waberte dann 'ne Weile in der Luft, bis wir festgestellt haben, dass wir fast gleichzeitig ein Album und eine EP veröffentlichen und dass mit dieser Veröffentlichung promotechnisch ein guter Zeitpunkt für so eine Show gekommen wäre.Yunus: Releasekonzerte oder "normale" Touren sind aber auch immer mit einem gewissen finanziellen Risiko und Kosten verbunden. Und mit einer Menge Aufwand. Die Frage war dementsprechend auch ein bisschen: Gibt es da draußen noch was anderes als "normale" Konzerte? Not macht erfinderisch.
Was verdient ihr an diesen Abenden? Wird das eure Kosten decken – oder ist das eher ein Promostunt, in den ihr jetzt mal investiert. Yunus: Ehrlich? Keine Ahnung. Es wird die Möglichkeit geben, uns an dem Abend durch Spenden und Merch zu unterstützen. Aber ob wir am Ende draufzahlen, auf Null rauskommen oder steinreich sind, steht in den Sternen. Wir halten die Kosten so gering wie möglich und hoffen das Beste. Wenn man so will, kann man das als Promostunt sehen, aber das greift zu kurz. Für mich ist es eher eine Form von Selbstermächtigung: Ich entscheide selbst, dass ich beschissen bezahlt werde. Das fühlt sich befreiend an.
Gibt es einen übergeordneten Effekt, den ihr euch davon erhofft? Lin: Zum einen wollen wir gerne Zeit und Raum haben, tiefergehend über Hintergründe von Songs zu sprechen – vor allem jenseits davon, wie Content für Social Media aufbereitet werden muss, um zu funktionieren (kurz und polarisierend). Zum anderen wollen wir mit der provokanten Idee, die Shows nur einen Euro kosten zu lassen, darauf hinweisen, dass viele Menschen über diesen Ticketpreis verwundert sind, aber nicht auf dem Schirm haben, dass das weit über dem liegt, was wir mit Streaming verdienen. Also es wird bei den Shows auch darum gehen, was es braucht, um als Indiekünstler*in in der Musikbranche bestehen und überleben zu können. Keine Sorge, wir machen’s lustig.
Yunus: Ja, sonst würden wir es nicht machen. In allererster Linie geht es um eine gute Show und darum, meiner EP FÜHLST DU DAS AUCH? und LINs Album FOCUS ON THE IN_BETWEEN den Raum zu geben, den sie verdienen. Zum Beispiel auch mal Musikvideos zu zeigen, die wir liebevoll produziert haben, statt nur 15-Sekunden-Clips auf TikTok und Instagram. Gleichzeitig wollen wir ein Zeichen setzen: Die Lebensrealität von Indie-Artists ist inzwischen oft prekär. Klar, 1 € Eintritt für ein Konzert klingt absurd. Aber ist es das wirklich? Wenn man sieht, was Streaming abwirft, sind wir da längst angekommen. Genau darauf wollen wir aufmerksam machen.
Wie findet ihr diese Idee? Hättet ihr ein schlechtes Gewissen, nur einen Euro für ein Konzert zu zahlen? Oder unterschätzt man heutzutage, wie viel 1 Euro ist?
Übrigens: Dieser Newsletter freut sich auch über jeden Euro. Wenn alle, die diesen Text gelesen haben, 1 Euro in unsere Paypal-Kaffeekasse schmeißen würden, hätte sich diese Ausgabe fast komplett finanziert. (Bisher hat sich noch nie eine Ausgabe komplett finanziert, nicht mal fast.)
|
|
Es ist doch perfektes Fernsehwetter, oder?
Wir haben euch drüben bei Shelfd eine Kollektion von Streaming-Empfehlungen zusammengestellt, die alle irgendwas mit Musik zu haben. Ja, natürlich ist die eine Pumuckl-Folge dabei. Wenn ihr auf die einzelnen Titel klickt, steht da auch immer ein flotter Spruch zur Serie/zum Film von uns. Viel Spaß damit!
|
Kaum etwas wirft uns so zurück in einen anderen Lebensabschnitt wie Musik. Wir verbinden bestimmte Songs mit Orten, Phasen, Menschen und Erinnerungen. Das kann schön sein, doch vielleicht bleibt etwas auf der Strecke, wenn wir uns zu sehr in die Nostalgie hineinlegen. Als ich neulich in Rom war, wo ich vor Jahren studierte, habe ich ganz bewusst versucht, neue Musik zu hören. Teilweise war es erstaunlich schwer, nicht die Musik von damals zu hören. Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Wie sehr sabotiert Nostalgie die Weiterentwicklung des eigenen Musikgeschmacks, das persönliche Wachstum und vielleicht sogar unsere Erinnerungen? – Rosalie
Vor einiger Zeit habe ich für ein Jahr in Rom gelebt. Das war für die Semester 2021/2022. Die letzten Wehen von Covid-Restriktionen trafen auf den Ausgehdrang, der sich in den Menschen aufgestaut hatte. Wann immer wir konnten, zogen meine Freund*innen und ich durch die Straßen, wann immer wir durften, kaperten wir die Musik in einer unserer Stammbars. Die Sonne schien für ein Jahr in mein Gesicht, das zuvor starr auf die Berliner Neubautapete gerichtet war. Und in meinem Ohr begleiteten mich dabei ein Dutzend Alben, die sich fest mit dem klischeehaften Dolce Vita verbanden und nun auf ewig zu diesem Ort gehören.
Der Lockdown führte dazu, dass 2021 ein ziemlich starkes Musikjahr war und gerade meine geliebte Bedroompop Szene hatte einen gewissen Vorteil gegenüber den großen Popproduktionen, weil sie natürlich die Skills und das Equipment haben, einfach Zuhause zu produzieren. Und so wurden schnell und konzentriert viele Mixtapes rausgehauen. Ich will nicht abtun, dass diese Zeit für viele Musikkarrieren das Ende bedeutete und es eine globale Krise für alle, insbesondere aber für die Kreativkultur bedeutete. Gleichzeitig hatten es viele Lockdownproduktionen einfach in sich. Lyrics wurden intimer, Melodien individueller. Die eigenbrötlerische Natur dieser Zeit brachte viele einzigartige Stücke hervor. Nilüfer Yanyas "Midnight Sun" wurde die Hymne unzähliger Sonnenuntergänge, die ich auf meinem Dach beobachtete, während die Stare dazu in ihren wellenförmigen Formationen durch den eingefärbten Himmel zogen. Alles daran zu süß, um wahr zu sein. Willows sehnsüchtiges Rufen in "Meet Me At Our Spot" ließ mich an den Ampeln, die in der Auto-fokussierten Chaosstadt eine Ewigkeit brauchten, auf und ab zappeln. FUFFIFUFZICH brachte mich mit ihren ersten Powersingles auf meinem echt unheimlichen Heimweg sicher durch den langen Tunnel, in dem auch öfter mal Lampen ausfielen. Der Beat ging direkt in meinen Fuß, der sich kraftvoll in den Asphalt stieß, allzeit bereit auszukeilen. Augustines WEEK ABOVE THE EARTH verwandelte die unzähligen Cornettos mit Kaffee in luxuriöse Frühstückssession und zu Wolf Alice BLUE WEEKEND saß ich um fünf Uhr früh an meinem Lieblingsbrunnen, der im Morgennebel am besten aussieht, und vermisste das Berliner Nachtleben. Die Musik, die ich damals in Rom hörte, war neu, frei von Erinnerungen und Gefühlen und bereit, damit aufgeladen zu werden. Quasi vorkalkulierte Retromanie, die ich vor Ort frisch zusammenbraute. Ein Mix an Songs, der mich auch jetzt wieder in meine Straßen von San Giovanni zurückwirft. Mal klingen diese Songs wie Balsam, manchmal versetzen sie mir einen Stich, weil ich nicht dort bin. Immer weniger denke ich an konkrete Situationen, immer öfter einfach nur: Hach, Rom.
|
|
Seitdem ich wieder in Berlin lebe, bin ich bereits dreimal zurückgekehrt. Zuletzt vor einem Monat. Doch während ich in meinem Auslandsjahr einen Durst nach neuer Musik hatte, schreit nun alles in meinem Kopf danach, wieder genau diese Songs aus '21/22 abzuspielen. Es ist der Sog der Nostalgie und es ist ein starker. Bei meinen ersten zwei Besuchen habe ich mich dem Strudel der Rückblende gedankenlos hingegeben und bin wie auf Autopilot in die Playlist dieser Phase gegangen. Der Shufflemodus lieferte mir Erinnerungen am Fließband, während ich ihnen quasi live auf der Fährte war. Als würde ich durch ein Filmset laufen und dabei den dazugehörigen Score hören. Gespürt habe ich vor allem diese butterweiche Sehnsucht, obwohl ich ja vor Ort war. Und die konkreten Momente, die mich mit einzelnen Liedern verbanden, wurden noch ein bisschen verwaschener.
Bei meinem jüngsten Besuch habe ich mich also aktiv dagegen entschieden, diesen Kreislauf weiter anzukurbeln. Warum? Weil ich mehr will als eine perfekte Blase. Ich will Neues erleben, neue Erfahrungen machen und nicht dem Lebensgefühl von damals hinterherjagen. Denn die Gefahr ist doch, dass ich die Orte, Lebensabschnitte, Menschen und Erinnerungen immer weiter verkapsele. Jeder Urlaub wäre auch eine Zeitreise und mit jedem Jahr würden diese Tage zusammen morphen, bis Rom nur noch eine Karikatur der glücklichsten Zeit auf Erden sein wird. Weit weg von meiner aktuellen Lebensrealität. Die Erinnerungen an die einzelnen Rombesuche sollen nicht verschwimmen, ich will die Stadt jedes Mal erfahren, und vor allem will ich, dass dieser Ort ein Teil von mir ist – und zwar jetzt.
Wir alle haben doch so ein Rom. Ein Sehnsuchtsort, eine Sehnsuchtszeit, und sie ist immer zwangsläufig an Musik gekoppelt (Für Melanie ist es Norwegen, vgl. Ausgabe #103 und ihre Rückkehr nach Oslo). Zahlreiche Studien belegen, wie sehr Menschen an der Musik ihrer Jugend hängen. Eine Umfrage von Deezer zeigt, dass man mit 31 das Interesse an neuer Musik verliert, andere Studien nennen die Zahl 33. So oder so ist es Konsens, dass die musikalische Prägung durchschnittlich im Jugendalter und deren Stagnation in den 30ern stattfindet. Und ich glaube, dass das maßgeblich zu einer Verklärung 'der Jugend' führt – als wäre das eine homogene Erfahrung. Weil man eben mit jedem erneuten Hören das rückwärtsgewandte, dahin schwelgende Lebensgefühl weiter füttert. Die ursprüngliche musikalische Erfahrung geht darin verloren, denn das wohlige, familiäre Gefühl wird immer stärker. Und im Nu hören wir Avril Lavignes "Complicated" mit einem diffusen Strahlen und nicht mehr mit dem zerberstenden Gefühl des ersten Herzschmerzes, der tatsächlich von dem Lied begleitet wurde.
|
|
Diesen Kreis zu brechen ist schwer – und ich bin gerade mal 29. Ich war ehrlich erstaunt darüber, wie oft ich mich durch das Tidal-Menü beiläufig einfach zu der Musik von damals manövrierte und erst beim Intro checkte: Halt, das ist ja schon wieder "Prom". Um ein bisschen softer zu mir zu sein, habe ich zu Beginn des Rombesuchs zumindest dieselben Artists gehört wie damals. Allerdings ältere oder neuere Veröffentlichungen. Dann ging eine neue Entdeckungsphase los. Alben, die ich noch nicht ausgecheckt hatte, wurden in Parks mit kritischem Ohr gemustert. Das hat sich ziemlich gut angefühlt, fast aufregend, obwohl ich doch nur auf einer Bank zwischen Ruinen saß. An den letzten Tagen habe ich mich dann schon ziemlich herausgefordert: Ich habe mir Songs herausgesucht, zu denen ich eigentlich ziemlich starke andere Erinnerungen habe. Titel aus der Abizeit (uff), Alben von meinem Studienbeginn: Musik, die eine ganz andere Nostalgie mit sich bringt. Die spielte ich immer dann ab, wenn ich neue Orte besucht habe oder durch Ausstellungen gelaufen bin. Gerade bei letzterem habe ich gemerkt, wie ich teilweise doch in Erinnerung schwelgte. Als ich aber vor einem Bild stand, das mich faszinierte, überwog dieser ästhetische Reiz und "Queen" hatte nun eine neue Assoziation freigespielt. Das ist ein großartiges Gefühl, denn es zwingt mich irgendwie, konkret zu erinnern, zu unterscheiden und vor allem: Zu erkennen, dass es möglich ist, mehrere sehr unterschiedliche Momente und Phasen mit einem Song zu verbinden. Einfach, weil man ganz bewusst hört und wahrnimmt.
Wer weiß, ob ich es schaffe, weiter so aktiv und gezielt Musik einzusetzen und so selten das zu hören, was ich tatsächlich will. Aber ich habe in diesen Tagen gemerkt, wie ich mit jedem Tag aufgeschlossener und wieder durstiger nach neuen Impulsen wurde. Und während ich bei den vorherigen Besuchen immer wieder Probleme mit Depersonalisierung hatte, fiel es mir dieses Mal ganz leicht, wieder ganz und gar dort zu sein. Und zwar jetzt.
|
Das war's für dieses Mal. Rosie hat Halloween damit verbracht, die Kostüme ihrer Lieblingsmusiker*innen zu ranken. Lizzie McAlpine hat mit dieser Interpretation der wohl schlimmsten GIRLS-Szene klar gewonnen. Der soziale Tod bleibt der grausamste. Auch grausam: Melanie hat Halloween damit verbracht, den Soundtrack von HARTE JUNGS zu recherchieren. Ihr werdet nicht glaube, was sie dabei herausgefunden hat – aber dazu ein andermal mehr.
|
Die nächste Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER erscheint am 19. November.
|
|
|